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Texte zu den Themen Arbeitsplatz, Familie, Nachbarschaft aus der Sicht des Mediators

Auszug aus „Ethik und Moral in der Mediation-eine Annäherung“

Den Volltext finden Sie in der kommenden Ausgabe des „Handbuch Mediation“ (WEKA)

 

„ungerechtes Ergebnis“ aus Sicht des Mediators

Mediatoren sind auch nur Menschen, eigentlich zeichnet sie ja gerade ihre Menschlichkeit auch im besten Falle aus. Gerade deswegen haben wir auch ein höchstpersönliches Gerechtigkeitsempfinden, welches sich wohl in Extremfällen auch einer Warnlampe gleich, einschalten und um Beachtung ersuchen wird.

Daher wäre es nahezu fahrlässig die berufsbedingte Neutralität des Mediators dahingehend auszulegen, dass es nie und nimmer zu Gewissenskonflikten oder moralischen Dilemmata kommen könnte. Doch, wie gehen wir damit um und vor allem, in welchen Fällen wäre dies denkbar?

Ein gar nicht so seltenes Beispiel der Mediationspraxis wäre ein grob einseitiger Scheidungsvergleich, welcher einen der Partner unverhältnismäßig belastet bzw. bevorzugt. Gründe für eine solche Vereinbarung sind ebenso mannigfaltig wie irrelevant. Es zählt hier nur die Tatsache, dass der Mediator die Schieflage erkennt und so in ein auch moralisches Dilemma kommt.

Auch im Rahmen einer Arbeitsplatz- oder auch Mobbingmediation könnte Vergleichbares geschehen. Aufgrund des Drucks, den ein möglicher Jobverlust erzeugen könnte, wird eine Vereinbarung geschlossen, mit der zwar auf den ersten Blick alle, insbesondere der Arbeitgeber als Auftraggeber des Mediators zufrieden sind, doch ahnt der Mediator auch hier, dass der Vergleich einer langfristigen Nagelprobe nicht standhalten würde und eine Partei im Endeffekt benachteiligt wäre.

Als drittes Beispiel sei noch das Setting einer Erbschaftsmediation genannt, bei welcher im Vorfeld der Testamentserstellung bereits Vermögensgüter übertragen werden, wobei im Gegenzug ein Erbrechts- und Pflichtteilsverzicht unterzeichnet wird. Auch hier kann es nach dem höchstpersönlichen Empfinden des Mediators gelegentlich zu massiven Ungerechtigkeiten kommen.

Allen drei Beispielen ist gemein, dass der Mediator sein persönliches Empfinden, seine persönliche Meinung in einer Art und Weise einbringen möchte, die der Neutralität in einem hohen Maße widersprechen würde. Um dennoch aber das erarbeitete Ergebnis auch vertreten zu können, beziehungsweise um die Mediation auch guten Gewissens abschließen zu können, wäre es denkbar, die Parteien zur rechtlichen Absicherung der Vereinbarung noch einmal zu einer außenstehenden Rechtsberatung zu empfehlen. So kann auch sichergestellt werden, dass die Verantwortung für die Korrektheit der Vereinbarung nicht rein nur beim Mediator liegt, sondern vielmehr auch extern geprüft wird.

Grundsätzlich aber gilt es festzuhalten, dass die Moral des Mediators keine Messlatte für die Gültigkeit der Vereinbarung zu sein hat. Die Medianden sind Herren des Verfahrens, sie sollen ihre persönliche Lösung erarbeiten. Nicht die Lösung des Mediators ist wichtig, sondern jene der Medianden. Dennoch ist auch die Psychohygiene der Mediatorinnen und Mediatoren von großer Bedeutung und darf nicht außer Acht gelassen werden.

 

Moral aus Sicht der MediandInnen

Gelegentlich wird der Begriff auch seitens der Medianden strapaziert. Dieses insbesondere dann, wenn man der Gegenseite Unmoral hinsichtlich eines Aspektes des Verhandlungsgegenstandes, eines Argumentes oder einer in der Vergangenheit liegenden Handlung unterstellt. Der Hinweis auf die eigene Moral spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle, viel mehr impliziert die Bezugnahme auf Moral in der Regel einen Vorwurf an die Gegenseite.

In jenen seltenen Fällen, in denen auf die eigene Moral einer Partei Bezug genommen wird, dient diese Argumentation meist der Untermauerung eines persönlichen Standpunktes mit dem Unterton, dass eine jede andere Sichtweise wohl unmoralisch wäre.

Darüber hinaus zeigt die Erfahrung, dass einmal aufs Tableau gebracht, moralische Sichtweisen nur in den seltensten Fällen deckungsgleich sind. Schon alleine deswegen, weil sie sonst kaum Teil des Mediationsgespräches wären. Sich daher auf eine entsprechende Diskussion einzulassen kann problematisch werden, zumal bei aller Gleichheit der Begrifflichkeiten doch die dahinterstehenden Bilder oder Assoziationen massiv divergieren können.

Um hier einen Ausweg zu finden, wäre es denkbar, wieder auf „common ground“, auf den gemeinsamen Nenner zu finden. Begriffe wie „nachbarschaftlicher Friede“ oder „Kindeswohl“ können dabei gute Dienste leisten.

 

Problematische Settings

Weitere praxisrelevante Fragen, in denen die Moral des Mediators in Bezug auf die Berufsethik der Mediation auf die Probe gestellt werden könnte:

In einer Nachbarschaftsmediation verlangt der Hausverwalter Auskunft über den Verlauf der Mediation, insbesondere in Hinblick auf ein im Raum stehendes Kündigungsverfahren gegen eine der beiden Parteien.

Im Verlaufe einer Scheidungsmediation kommt jener Ehepartner, der unter der Brutalität des anderen bereits jahrelang gelitten hat, dessen Forderungen nach und sagt noch jahrelange Unterstützungszahlungen (Unterhalt und Ausgleichszahlung) zu.

Beim Sondierungs- und Klärungsgespräch zwischen Mediatorin und Auftraggeber bezüglich einer Mobbingmediation äußert der Auftraggeber wie selbstverständlich den Wunsch, regelmäßig vom Fortgang der Mediation und den Inhalten der Gespräche informiert zu werden, um gegebenenfalls eine Kündigung aussprechen zu können. Er verknüpft diese Forderung mit der Auftragserteilung an die Mediatorin.

Der Leser erwartet nun wohl zu Recht auch den einen oder anderen Vorschlag, wie mit entsprechenden Situationen umzugehen wäre oder im konkreten Fall umgegangen wurde. Ein Entsprechen dieser berechtigten Erwartungshaltung würde aber bedeuten, dass der Autor seinen persönlichen Moralbegriff zu Messlatte und Vorbild stilisieren würde, was definitiv unbegründet und vor allem unzulässig wäre.
Die Nennung einiger weniger Beispielsfälle soll dazu dienen, ein Bewusstsein für die Thematik moralischer Fragen zu schaffen und steht so für jeden einzelnen Leser eher am Anfang und nicht am Ende der Beschäftigung mit dem Thema Ethik und Moral in der Mediation.

 

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