mediationwanderer

Texte zu den Themen Arbeitsplatz, Familie, Nachbarschaft aus der Sicht des Mediators

Wenn Rassismus eine Rolle spielt (ein Fallbeispiel)

Nach Rücksprache darf ich über den folgenden Fall (unter berücksichtigung der entsprechenden Anonymisierung) berichten:

Weitere Infos gerne auch über: Meine Homepage

 

Rassismus im Alltag und wie er sich auf Mediationen auswirken kann

Es war einmal.. nicht der Rassismus, der ist noch immer, aber es war einmal eine Mediation im Nachbarschaftsbereich. Eine Dame um die 70 fühlte sich durch die Gerüche, die die Kochleidenschaft ihres Nachbarn in der Anlage und insbesondere in ihrer Wohnung, die gleich neben der betreffenden Küche lag, in ihrem Wohn- und Wohlbefinden beeinträchtigt. Soweit so gut, noch kein ausgerissener Fall. Beide waren auch recht einfach von den Möglichkeiten der Mediation zu überzeugen, ein Termin konnte schnell vereinbart werden.

Herr A. (meiner Erinnerung nach aus Zentralafrika) war ein Krankenhausangestellter in einer durchaus gehobenen Position, der sich durch eine sehr vorsichtige und auch sehr gewählte Sprache auszeichnete. Frau B. wiederum betonte, keine Rassistin zu sein, und eben ein nur auf die Gerüche der fremdländischen Küche zu reagieren.

Den Vorschlag seitens A, Frau B doch gerne einmal zum Essen einzuladen schlug sie (für mich wenig zielführend) mit den Worten aus… „wenn Sie was vernünftiges österreichisches kochen, dann komme ich gerne…“. Nun, gut sie war keine Rassistin, dennoch ein wenig ungeschickt vielleicht in der Wortwahl schon.
Diese Aussage konnten wir dann im Rahmen der nächsten Minuten ein wenig abschwächen und auf eine auch für A. annehmbare Ebene bringen,  dennoch war seine Körpersprache verständlicherweise ab sofort noch unentspannter als vorher.

Ich versuchte dies dann vorsichtig anzusprechen, worauf folgendes aus ihm heraus brach:

„Ich arbeite seit Jahren in Österreich, durchaus erfolgreich und nehme keine Leistungen in Anspruch, ich habe eine verantwortungsvolle Position. Dennoch werde ich sowohl im Krankenhaus, wie auch auf der Straße immer erst seltsam angeschaut, weil ich eine schwarze Haut habe. Die Leute sind nicht böse, dennoch schauen sie mich komisch an, entweder schauen sie nachher weg, oder sie lächeln, aber die erste Reaktion ist einmal anders, als bei meinen österreichischen Freunden. Wenn ich dann endlich zuhause bin, möchte ich mich wenigstens auch zuhause fühlen und daher koche ich. Darf ich mich denn nirgends zuhause fühlen?“

Betretenes Schweigen war die Folge dieser Aussage, nachdem sich nicht nur die Nachbarin, Frau B, sondern auch Ihr Autor und Mediator durchaus ertappt fühlten. Ja, so egal kann mir die Hautfarbe meines Vis a Vis gar nicht sein, dass ich nicht dennoch beim aller ersten Kontakt vielleicht auf irgendeine Äußerlichkeit reagiere. Seien es die freundlichen Augen, das Lächeln oder auch die Farbe der Haut, ich ertappe mich ja selber, in der 2. Reaktion zu überprüfen, ob die 1. richtig war. [1]

Und schon bin ich auch Teil des Problems. Was wenn ich auch durch meine erste Kontaktaufnahme, sei es telefonisch oder beim Handshake in welcher Form auch immer jene Vorurteile signalisiert habe, die Herrn A belasten? Ja auch ich habe Vorurteile, bzw. habe meine Prägungen, meine neugierige Reaktion auf ungewohntes.

Ich liebe Menschen viel zu sehr, als dass ich nicht mehr neugierig sein wollte, doch gab mir dieser Fall so unglaublich viel zu denken. Je mehr ich mich selber auf den Sockel der Selbstgerechtigkeit stelle und mich selber von allen Vorurteilen und falschen Reaktionen exkulpiere, umso mehr laufe ich Gefahr, ein Brandbeschleuniger zu werden. Ein Gespräch in der Mediation ist kein normaler Straßenplausch, hier reden die Menschen offener und haben auch jeden Anspruch der Welt, anders, also menschlich, wertschätzend angenommen und behandelt zu werden.

Wenn wir die uns geschenkte Verantwortung übernehmen wollen, dann müssen wir in erster Linie unser eigenes Verhalten reflektieren. So zumindest mein persönliches Verständnis der Mediation. Mediation die nicht von Nächstenliebe, Respekt und Wertschätzung dem anderen gegenüber getragen ist kann vielleicht irgendwie auch helfen, ist aber jedenfalls nicht mein Weg.

 

[1] Frau B war übrigens auch sehr erstaunt und entschuldigte sich für den einen oder anderen möglicherweise missglückten Ausdruck. Die Nachbarn einigten sich auf eine Testphase für ein verständnisvolleres Miteinander, und haben sich seit damals (vor 6 Monaten) nicht mehr beim Mediator oder bei der Hausverwaltung gemeldet.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: