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Texte zu den Themen Arbeitsplatz, Familie, Nachbarschaft aus der Sicht des Mediators

Die Lehren des Sports für Beratung und Mediation

Ach, ich liebe den Sport. Sei es mit dem Mountainbike durch die Wälder zu radeln oder auch in einer Halle am Tischtennistisch zu stehen und halb intuitiv, halb durch Routine dem Ball den richtigen Spin zu geben. Oder freilich meine große Leidenschaft, der Langstreckenlauf. Ja, alle Distanzen zwischen 10 und 130 Kilometer sind zur Lebensschule geworden, zur Allegorie auf so unglaublich vieles. So auch auf meine berufliche Tätigkeit als Berater und Mediator.

Was aber hat denn beispielsweise Tischtennis mit der Tätigkeit eines Mediators zu tun? Nicht nur, das intuitive Hineinhorchen in mein Gegenüber an der Tischplatte, um seinen nächsten Ballkontakt bereits im Vorfeld zu ahnen, nein vor allem möchte ich mich hier auf das Tischtennisdoppel beziehen. Das Spiel mit einem Partner gemeinsam gegen die anderen beiden am Tisch. Hier gewinnt in der Regel nicht nur die Paarung, welche aus den besseren Einzelspielern zusammengesetzt ist, sondern jene, deren Spieler besser miteinander harmonieren.
Nun, ich kann es nur von mir selber sagen: Ich bin da sicher ein schwieriger Doppelpartner, weil ich die Stimmung meines Co´s gut spüren kann. Insbesondere eine negative Regung neben mir nach einem recht einfachen Fehler beim Service garantiert nahezu weitere Folgefehler meinerseits. Ebenso aber hilft ein positiver Partner, einen Netzroller der Gegner vergessen zu machen oder sogar in Energie umzuwandeln.
Dieses Bild kann eins zu eins auf die Beratungssituation oder auch die Co-Mediation umgelegt werden. Kann ich mich aufgrund der zwischenmenschlichen Chemie blind auf meine/-n Beratungskollegin/-en bzw. Co-Mediatorin verlassen, so gelingt die Unterstützung der KlientInnen/MediandInnen mehr oder weniger spielend im Wechselspiel der Professionen. Hier geht es dann weniger um Regeln oder Korrektheit, hier kommt dann die durch Empathie befeuerte Kreativität ins Spiel. Besteht aber zwischen meiner/-m KollegIn und mir nicht dieses blind eingespielte Verständnis, so kann es zu einer gewissen Verkrampfung kommen, die im Endeffekt die Kreativität der Lösungsfindung einschränkt. Glücklicherweise kann ich mir als Mediator doch meine Co´s in der Regel aussuchen und habe einen guten Pool an genialen KollegInnen, mit denen ich sehr gerne zusammenarbeite. Denn nur, wenn die Arbeit auch spielerisch und mit blindem Verständnis von statten geht, kommt am Ende ein gutes, verlässliches und auch nachhaltiges Ergebnis zustande.

Was der Radsport mir im Leben und Beruf gelehrt hat, ist wohl eher in negativer Abgrenzung zu beschreiben. Kennen Sie das Gefühl, auf einer Radtour plötzlich eine gerissene Kette zu haben, einen Dorn im Reifen oder etwas vergleichbar unerfreuliches? Nun, wenn ich mich an entsprechende Rennen bzw. Ausfahrten erinnere, dann sind mir primär zwei Gefühle in Erinnerung. Erst einmal die ungläubige (negative) Überraschung über das Auslassen meines eigentlich gar nicht so schlechten Untersatzes -> „wie kannst Du mich grad da jetzt im Stich lassen?“ und dann die erstaunliche Gelassenheit als ich mitten im Gatsch die Kette flickte beziehungsweise den Schlauch wechselte. Hier half mir auch die Erfahrung, dass ich keineswegs der einzige Teilnehmer am Rennen war, der sich mit einem defekten Bike am Wegesrand wiederfand.
Nun, wenngleich es naheliegt, dass der Spruch „wie kannst Du mich grad jetzt im Stich lassen“ der Zusammenhang mit meiner Arbeit im Familienbereich ist, so möchte ich mich eher auf einen anderen Punkt beziehen: beim Radfahren muss ich mich zu einem nicht geringen Maße auf das Material verlassen. Sei es nun Carbon, Alu, Stahl oder Latex, sei es Rahmen, Kettenglied oder eben der Schlauch des Reifens. Ich kann mich hier nicht zu 100% darauf verlassen, keinen Defekt zu haben, weswegen das Handwerkszeug eines guten Mountainbikers eben unbedingt auch die technischen Basics des Reifenflickens beinhalten sollte. Den guten Radfahrer erkennt man ebenso wie den guten Professionisten anderer Berufung daran, dass er eben nicht nur die hohe Kunst seines Jobs beherrscht, sondern auch die angrenzenden Basics beherrscht, um im Notfall nicht völlig hilflos zu sein.

Nun aber zu meiner Leidenschaft, dem Lauf. Nachdem die Unterdistanzen (5, 10 Km sowie Halbmarathon) für mich persönlich eher untergeordnete Rollen spielen, so ist mir die Marathonstrecke und gerade in den letzten Jahren auch die Ultrastrecke (so wird jede Distanz über 42.2 Kilometer bezeichnet) sehr ans Herz gewachsen. Dabei geht es mir nicht mehr um Bestzeiten, dazu laufe ich schon zu lange. Nach 23 aufeinander folgenden Jahren Marathonlauf haben sich andere Prioritäten als zeitliche Schallmauern oderpersönliche Bestzeiten manifestiert. Das eigene Erleben, die physische und psychische Veränderung, die der Läufer zwischen Start und Ziel durchlebt, ist schlichtweg charakterprägend. Wie gehe ich mit dem plötzlich einsetzenden Regen am Start um? Wie reagiere ich auf jene Ehrgeizlinge, die mich auf den ersten 2 Kilometern im Zickzacksprint überholen, was, wenn sie mich im Ehrgeiz anrempeln? Wie gehe ich damit um, wenn ich nach 10 Kilometern 50 Sekunden hinter meiner Wunschzeit liege, wie, wenn meine Hoffnung beim Halbmarathon aufgrund der Menschenmenge auf der Strecke zerplatzt? Was, wenn ich erkenne, dass heute der Tag der Tage ist, jener eine Tag, welcher mir ermöglicht all meine Reserven zu mobilisieren und weit vor meiner erwarteten Zielzeit zu finishen? Oder… wenn ich nach 30 Kilometern plötzlich zu stehen scheine, weil meine leeren Speicher einen jeden weiteren Schritt verhindern wollen? Ach, ich liebe diese Gedanken, weil ich sie alle schon so unzählige Male erlebt habe. Über 55 beendete Marathons bieten ein fast unerschöpfliches Reservoir an Gleichnissen und Lösungsansätzen.
Die wohl wichtigste ist die unbedingte Ehrlichkeit mir selber gegenüber. Ich höre auf mich, mein Bauchgefühl und meinen Körper. Was ist möglich, was fühlt sich gut an? Wo kann ich mich heute an Grenzen pushen, wo sollte ich heute vorsichtig sein? Mein Instinkt weiß die Antwort und verrät sie mir, wenn ich nur auf ihn höre.
Eine Grundidee begleitet mich in den letzten Jahren oftmals: „Mach Dir keinen Stress, den siehst Du wieder!“ Jene, die sich auf den ersten Kilometern verausgaben, sammle ich später wieder auf, ich habe gelernt, dass eine gute Einteilung das halbe Rennen ist. Ich bin nicht in der Klasse der Sieger, nein, dieser Marathon wurde noch nicht erfunden, dennoch habe ich spätestens auf den letzten 10 Kilometern einen gewissen Ehrgeiz. Nicht, weil ich vor anderen im Ziel sein möchte, nein. Ich möchte nur ein klein wenig mehr aushalten, als jener vor mir. Will erst wenige Sekunden nach ihm straucheln, langsamer werden. Daher beiße ich noch ein klein wenig länger durch. Aufgeben? Grundsätzlich ein nicht so erfreulicher Gedanke, aber ich habe für mich da einen persönlichen Ausweg gefunden. Ich bin keiner, der von sich behaupten würde, NIE aufzugeben, IMMER ALLES zu schaffen nein, das sind die anderen, die Supermänner. Ich werde schon einmal aufgeben, gerne. Aber nicht auf diesem Streckenabschnitt, nicht vor der nächsten Kurve. In 5 Minuten kann ich gerne schwächeln, ein Kilometer geht noch und seien es nur 200 Meter. So verschwindet der Druck, weitermachen zu müssen und weicht der Gelassenheit, noch ein paar Meter weitermachen zu können. Und siehe da, von irgendwo ist immer noch das rettende Bananenstück, der Schluck Wasser oder der Müsliriegel gekommen. Ich muss nur bis zur nächsten Labestelle kommen, sie wartet nur auf mich.
Ein Beispiel, eine Begebenheit, die sich bei einem der genialsten Läufe meines bisherigen Läuferlebens ergab ist hier exemplarisch:
Nach ungefähr 55 Kilometern eines 130 Kilometer-Laufes hatte ich eine recht beeindruckende Schwächephase, welche mich durchaus forderte. Als ich dann die Außenmauer des Lainzer Tiergartens entlang Richtung Liesingbach trottete, schien die Herausforderung der folgenden fast 80 Kilometer schlicht zu groß zu sein. An einer Labestelle stärkte ich mich und traf auf einen Freund, den ich bat: “ sagst Du mir bitte, dass es wieder besser wird?“ „Mach Dir keine Sorgen, es wird wieder besser, Du erholst Dich wieder!“.

Nun, eigentlich hatte Martin ja Recht. Ich hatte noch knapp unter 80 Kilometer um mich zu erholen, die Strecke sollte noch so viele Möglichkeiten für mich bereit halten, dass ich mich auf meinen körperlichen Zustand verlassen konnte, diese Schwächephase zu überwinden. Genau so kam es auch. In wenigen Kilometern hatte ich wieder die Kraft in einen mittelflotten Laufschritt zu verfallen und konnte die Lauferei wieder genießen. Ja, nur weil die Aufgabe einfach unmöglich scheint heißt es nur, dass man sich den Weg bis zum Ziel nicht vorstellen kann. Es heißt nicht, dass wir ihn nicht beschreiten sollen.

Um diesen Text noch um ein weiteres Beispiel zu erweitern, möchte ich noch ein Beispiel, welches sich im Frühling 2017 bei einem Halbmarathon begeben hat schildern:
Meine persönliche Vorgabe war, mich nicht zu sehr zu belasten, sollte doch das Marathon- und vor allem das Ultratraining nicht leiden. Ich plante daher einen Schnitt ca 10 sek über meinem bestmöglichen Tempo einzuschlagen. Bereits nach ungefähr 5 Kilometern hatte ich auf der Strecke, die erst 10.5 KM flußabwärts, danach wieder -aufwärts führt durch den starken Gegenwind meine Probleme und wollte zurückstecken. Nachdem dies aber doch eher lächerlich ausgesehen hätte, biss ich bis zur Wende durch und konnte mich nun darauf einstellen, 10 Kilometer lang gegen die eigene Müdigkeit und die Steigung zu kämpfen. Wissend, dass mir dies wahrscheinlich etwas besser liegt, als anderen, trottete ich immer näher an den jeweils nächsten Kollegen heran, nie in der Absicht eine Platzierung zu erreichen, sondern immer nur mit dem Wunsch, gerade DEN EINEN noch zu überholen. Glücklicherweise gelang mir dieses Kunststück gleich einige Male, was im Endeffekt im Alterklassensieg der M40 gipfelte.

Ich lernte daraus, dass es sich immer auszahlt, den nächsten Schritt, die nächste Verbesserung im Auge zu behalten, so klein und absurd sie auch sein möge. Die Summe der Verbesserungen ist oft größer, als man glauben sollte 🙂

Ja, Sport ist eine Quelle der Inspiration, eine Freude und auch eine Lebensschule. Ich bin jenen unglaublich dankbar, die mich an den entscheidenden Weichenstellungen dahin begleitet haben, meine Hobbies entsprechend auszuüben. Ihr habt mein Leben mitgeprägt, danke dafür!

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