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Texte zu den Themen Arbeitsplatz, Familie, Nachbarschaft aus der Sicht des Mediators

Doppelresidenz, der Stein der Weisen?

Stein der Weisen?

Als die Alchemisten des Mittelalters jenen sagenumwobenen Stein der Weisen zu schaffen suchten, galt ihre Mühe dessen Eigenschaften, aus quasi minderwertigen Materialen Gold herzustellen. Neben aller magischen und/oder wissenschaftlichen Kunst war damals wohl der pekuniäre Aspekt eine nicht unwesentliche Triebfeder für die endlose Suche. Schon alleine deswegen ist der Vergleich zwischen dem Stein der Weisen und der Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes wohl nur zu maximal 51% passend.

Nein, es geht dabei nicht ums liebe Geld, höchstens am Rande. Primär soll im Idealfall dem Kind der einfache Zugang zu beiden, fortan getrennt lebenden Eltern ermöglicht werden, wie es schließlich auch in der Kindrechtskonvention verankert ist. Schließlich hat ein Kind das Recht auf Kontakt zu beiden Eltern. Nun, soweit so eindeutig. Doch, um den auf den ersten Blick unglücklichen Vergleich mit dem Stein der Weisen noch einmal zu strapazieren: was ist da jetzt eigentlich so neu?

Manche werden diese rhetorische Frage dahingehend beantworten, dass bisher die unterschiedlichen Richter an den zuständigen Bezirksgerichten einer 50:50 Regelung keine Zustimmung erteilt hatten. Richtig, es obliegt zweifelsfrei dem Gericht, einer Vereinbarung, die nach Meinung und Erfahrung des Gerichts dem Kindeswohl zuwiderlaufen könnte, die Rechtskraft zu verweigern. Dennoch erlebt man als Mediator und Beratungsjurist immer wieder Situationen, in welchen die Klienten und Medianden mit rechtskräftigen Kontaktrechtsregelungen überraschen, welche mehr oder weniger einen wochenweisen Wechsel des Betreuungsortes des Kindes festhalten. Es oblag also offenkundig auch schon bisher den Gerichten, im Rahmen einer kreativen Auslegung dem Kindeswohl dahingehend Vorschub zu leisten, dass man ein starres Wochenendmodell, bzw. eine Standardregelung a la „jedes 2. Wochenende und einen Nachmittag unter der Woche „nicht als unbedingtes Muss sondern ebenso nur als Möglichkeit sehen konnte. Ebenso wie das Kindeswohl von der kreativen Bewältigung der unterschiedlichen Situationen abhängig ist, so ist freilich auch die Regelung des Kontaktrechts zu guter Letzt vom wechselseitigen Goodwill der Eltern zugunsten des Kindes abhängig. Der Stein der Weisen muss also nicht neu geschaffen werden, er war immer schon existent und hieß „Einvernehmen“ beziehungsweise „Kreativität“. Natürlich kann es im konkreten Fall schwer fallen, sich im Scheidungswirrwarr auf eine komplexe Regelung hinsichtlich des Kindesaufenthaltes zu einigen, doch ist ein gutes Miteinander auf der Elternebene ohnehin unabdingbare conditio sine qua non für die Doppelresidenz.

Nur, wenn beide Eltern ihre Konflikte auf der Paarebene bereits ausgetragen haben und diese ausgeräumt werden konnten, steht eine Vereinbarung des Paritätsmodelles auf einem festen Untergrund. Konfliktherde hinsichtlich neuer Partner, finanzieller Ungleichgewichte, allfälliger Ausgleichszahlungen oder sonstiger Sollbruchstellen müssen vorher angesprochen und beseitigt werden.

Daher ist es für ein gutes Funktionieren der Doppelresidenz nahezu unumgänglich, dass bei Eltern auf einander bzw. von den Zahlungen des anderen Elternteils angewiesen sind, was wohl primär mit einem entsprechend hohen Einkommen einher gehen wird. Erst wenn der Kindesunterhalt keinerlei Konfliktthema darstellt, wenn auch allfälliger Sonderbedarf problemlos abgedeckt werden kann, ist die Basis einer optimalen Doppelresidenz gelegt.

Freilich gibt es Modelle, die sich bewährt haben. Das sogenannte „Kinderkonto“ auf welches der geldunterhaltspflichtige Elternteil seinen Anteil überweist, ebenso wie auch der hauptunterkunftgebende Elternteil beispielsweise die Familienbeihilfe und/oder einen anderen Betrag einzahlt. Strenge Regeln schaffen auch hier eine gute… Elternschaft, wenn schon nicht Freundschaft. Wird jedoch dann auf Basis des Stehsatzes von den 10 Prozent, welche pro überdurchschnittlichen Tag Kontaktrecht abgezogen werden können argumentiert, so kippt der Konsens relativ schnell. Daher eben die Wichtigkeit der eindeutigen und nachhaltigen Regelung bezüglich der finanziellen Aspekte.

Nein, die Doppelresidenz ist keine Sensation, ebenso wenig wie sie bisher ein anzuwendendes Standardmodell war. Davon ausgehend, dass es jedoch auch keine Standardfamilien, keine 0815-Kinder bzw. Eltern gibt, sondern immer nur konkrete Menschen, die sich in einer speziellen Lage um die bestmögliche Einigung bemühen, ist es erfreulich, dass der Fundus der Möglichkeiten wieder einmal um ein Mosaiksteinchen erweitert wurde. Sie ist kein Stein der Weisen, sondern schlichtweg eine weitere Möglichkeit von vielen, die zum Wohle des Kindes im jeweiligen Einzelfall herangezogen werden könnte.

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Ein Kommentar zu “Doppelresidenz, der Stein der Weisen?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. Oktober 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , , , , , .
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