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Texte zu den Themen Arbeitsplatz, Familie, Nachbarschaft aus der Sicht des Mediators

Fallbeispiele in der Nachbarschaftsmediation

Fallbeispiele Nachbarschaftsmediation

Wird der Mediator zu einem Nachbarschaftskonflikt gerufen, so wurden in der Regel bereits unzählige (Irr-)Wege zuvor beschritten. Einerseits wurde die Hausverwaltung wahrscheinlich ersucht, einen mehr oder weniger freundlichen Brief an die, dem subjektiven Empfinden nach konfliktverursachende Partei zu senden, möglicherweise klopfte sogar auch die Polizei, gerufen von der Nachbarin, an die Türe. Der Mediator ist selten der erste Ansprechpartner eines Konfliktes, freilich auch nicht im Bereich der Nachbarschaft. Und doch sind die Alternativen enden wollend: eine Klage wegen Lärmbelästigung scheitert in den meisten Fällen an der Beweisbarkeit der Beeinträchtigung, beziehungsweise an der Auslegung des „ortsüblichen Geräuschpegels“ , einer Räumungsklage gegen den offenkundig lärmenden Nachbarn ist (auch nach Aussage zweier BestandsrichterInnen) nur in ganz ausgerissenen Fällen Erfolg in Aussicht zu stellen. Darüber hinaus sei auch grundsätzlich einerseits auf die Verfahrenskosten hingewiesen, ebenso wie auch auf die Tatsache, dass eine (mit zu über 90% Wahrscheinlichkeit) abgewiesene Klage nur den Lärmverursacher in seinem Verhalten bestärkt. Weiters bleiben mit relativ großer Wahrscheinlichkeit auch die baulichen Gegebenheiten unverändert, sodass man nur mit beiderseitigen Anstrengungen die wohl für beide Seiten unbefriedigende Situation verbessern kann.

In den nun folgenden Zeilen werden einige Fallbeispiele aus der Praxis (freilich anonymisiert und teilweise zum Schutze der betroffenen Akteure verändert) angeführt, um einen Einblick in die Problematik der Nachbarschaftsmediation, ebenso wie auch Denkanstöße zu deren Lösung zu bieten:

Frauen an die Macht

Der erste Fall begab sich in einem alten Gemeindebau: Eine junge türkische Familie – nennen wir sie Familie A – war vor kurzen von der zuständigen Behörde verständigt worden, dass nun die lange ersehnte Gemeindewohnung bezugsfertig wäre. Freudig wurde das Abenteuer der Einrichtung in Angriff genommen. Nun fiel jedoch der Anfang des Umzuges nicht nur in die heißeste Zeit des Jahres, sondern auch in den beginnenden muslimischen Fastenmonat, welcher der Familie wichtig zu beachten war. So wurden in der Hitze der Sommermonate Einrichtungsgegenstände geschleppt, ohne in welcher Form auch immer Stärkung zu sich nehmen zu können. Zur Verwunderung der Familie A, welche aus einer ländlichen Gemeinschaft kam, bot (im Gegensatz zur Türkei) niemand der neuen Nachbarn Hilfestellung bei der Übersiedelung an, vielmehr noch wurden sie kritisch begutachtet.

Familie B wiederum, ein Ehepaar zwischen 60 und 65 wiederum lebte seit Jahrzehnten unbehelligt und friedlich in dem betreffenden Haus. Man verstand sich gut mit den Nachbarn, war zu einer verschworenen Gemeinschaft gewachsen. Umso betroffener war man, als vor einiger Zeit das befreundete Ehepaar über den B´s in kurzem zeitlichen Abstand verstorben war. Als man von der jungen türkischen Familie erfuhr war erst die Begeisterung gering, dann stellte sich gespannte Erwartung ein.

Als Familie A nun möbelschleppend über die Stiegenhäuser zog (für den Aufzug waren die Möbel zu sperrig), verursachte dieses einen nicht unbeträchtlichen Lärm. Die Familie konnte diesen Umzug nur am Wochenende bewerkstelligen, daher auch noch diese Verschärfung der Lage. Als nun eines Sonntages Frau A die Tür öffnete, weil sie davon ausging, dass ihr Mann an der Tür geklopft hätte, stand vor der erstaunten jungen Türkin der erboste Nachbar in der Badehose. Er war bis vor wenigen Sekunden am darunterliegenden Balkon in der Sonne gelegen. Die Frau, eine überzeugte Muslima war erschrocken, hatte sie doch in Erwartung ihres Mannes das Kopftuch nicht angelegt. Dieses Aufeinandertreffen bildete den ersten Kontakt zwischen den Parteien.

Die Hausverwaltung trat an die Mediatoren mit dem Wunsch heran, ein besseres Miteinander zu erwirken.

Die Mediatoren ließen sich die Sichtweisen der Parteien schildern, und versuchten erst, den Parteien die Standpunkte der jeweils anderen Seite verständlich zu machen. Nachdem jedoch Herr A den Stolz seiner Frau ebenso gefährdet sah, wie Herr B seine Vormachtstellung als Hausvertrauensmann an der Stiege, war zwischen den beiden Männern in der Kürze der Zeit kein Einvernehmen herzustellen.

Die türkischstämmige Mediatorin erkannte die Situation schnell und widmete sich in den folgenden Minuten primär Frau A und Frau B, Sie hatte die Körpersprache der beiden richtig gedeutet und gesehen, dass beide konsensorientierter als ihre Männer waren. Dies führte so weit, dass Frau A ihren Mann aus dem Mediationsraum bat, ebenso auch Frau B und die Mediatoren nun nur noch mit den Frauen arbeiteten. In kürzester Zeit wurden nun wechselseitige Einladungen ausgesprochen und ein Neustart der nachbarschaftlichen Beziehungen fixiert.

Auch die Männer hatten sich inzwischen, erstaunt von der Resolutheit der Gattinnen verständigt und somit den Grundstein für eine bessere Nachbarschaft gelegt.

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Bella Italia in Wien Ottakring

Ein anderer Fall begab sich im Bereich einer großen Wohnbaugenossenschaft:
Genervt von immer wiederkehrender Beschallung durch laute Musik bis hinein in die Nachtstunden, wandte sich Herr C an die Hausverwaltung. Es ergingen mehrere Briefen an Herrn D, welcher rasch als Verursacher ausgemacht werden konnte.

Diese Briefe brachten jedoch keinerlei Verbesserungen, da Herr D sich keiner Schuld bewusst war. Die Hausverwaltung schaltete nunmehr den Mediator und Autor dieser Zeilen ein. Nach einigen Versuchen wurde ein gemeinsamer Termin in den Räumlichkeiten der Genossenschaft vereinbart, zu welchem Herr C auch überpünktlich erschien. Herr D war 20 Minuten danach noch nicht erschienen, weswegen er vom Mediator angerufen wurde. D hatte sich irrtümlich ein falsches Datum eingetragen. Der Mediator schaltete nach Rücksprache mit den Parteien sein Handy auf den Lautsprecher und staunte über den Verlauf des Gespräches. Es stellte sich heraus, dass sich beide Herren noch nie persönlich begegnet waren. Herr C outete sich als Italienfan, was aufgrund der venezianischen Herkunft D´s sehr hilfreich war. Die beiden verabredeten ein Treffen in einem Lokal zwecks eines ersten Treffens und die Mediation wurde beendet.

Der Mediator erkundigte sich später über den Verlauf des Treffens und erfuhr, dass Herr C nun Italienisch mit Herrn D lernte und dieser von C´s Erfahrung als Bankfangestellter profitieren konnte….

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Der gemeinsame Feind

Herr X und Herr Y waren seit 2 Jahren im nachbarschaftlichen Konflikt verbunden. Herr Z, seit kurzem Vater, bemühte sich mit 2 Jobs den erhöhten Geldbedarf der Familie zu decken, da seine Frau ihrer Selbständigkeit aufgrund der Pflege und Erziehung des kleinen Y nur in geringfügiger Form nachkommen konnte. Der Lebensrhythmus der Familie hatte sich in die Abendstunden verlagert, was Herrn X, welcher im darunterliegenden Appartement lebte, oft bis 23:00 wach hielt. Erst freundliches, dann deutlicher vorgebrachtes Bitten um Einhaltung der Hausordnung wurde durch die Familie Y erst ignoriert, dann als Aggression empfunden und mit Klagsdrohungen beantwortet. In den ersten Kontaktaufnahmen mit den Parteien war der Frust über die Situation offenkundig. Insbesondere Y war aufgrund der empfundenen Zwickmühle, einerseits als Lärmstörer, andererseits als Beschwerdeführer bezüglich des Pilzbefalles der Wohnung bereits am Limit seiner Geduld. Der Mediator nahm sich für die einleitenden Telefonate viel Zeit, auch um einer Ventilfunkton gerecht zu werden.

Nach mehreren Wochen der telefonischen Shuttlemediation, welche fraglos notwendig war, nachdem die Stimmung extrem aufgeheizt war, konnte in Gegenwart eines weiteren Mediators der Genossenschaft ein Termin für eine Mediation vereinbart werden.

Die Besonderheit dieses Settings war fraglos, dass der betreffende Mediator gleichzeitig als Hausverwalter tätig war. Die vorab verabredete Trennung der Tätigkeitsfelder misslang im Rahmen der Mediation leider ziemlich, sodass sich der Frust der beiden Parteien schnell auf den Verwalter/Mediator konzentrierte. So war zwar relativ problemlos die friktionsreiche Nachbarschaftsbeziehung zwischen X und Y mittelfristig verbessert, doch die grundsätzliche Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation, auch hinsichtlich des Schimmelbefalles bestand weiterhin. Es wundert nicht, dass der Fall nach über einem Jahr erneut an den externen Mediator herangetragen wurde.

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Lügner trifft auf Psychopath

Im vorletzten Fall trafen eine neu zugezogene Familie aus Indien, nennen wir sie I auf Familie Müller/Mayer/Huber/Kratochwil aus Wien. Der Einfachheit halber benennen wir sie Familie Ö.

Man war sich einig, dass das Problem primär an der Bausubstanz lag, doch auch das Wohnverhalten der Familie I war eher noch dem Einfamilienhaus im Waldviertel angemessen denn einem Mehrfamilienbetonbau. Der 6-jährige Sohn der Familie I war mit dem Umzug nicht sonderlich glücklich und tat dies durch jähzorniges Stampfen kund. Dieses hatte zur Folge, dass in der Wohnung der Ö´s Gläser in den Regalen tanzten und somit freilich für Unmut sorgten. Als der Gläsersturz von Herrn I bestritten wurde, fiel der eingänglichen Mediationsvereinbarung zum Trotz von der einen Seite das Wort „Lügner“, gefolgt von der laienhaften Diagnose der anderen Partei, das Gegenüber würde ja an einer „psychischen Erkrankung leiden“ und eines etwas lauteren Machtwortes des Mediators. Nachdem der sofortige Abbruch der Mediation in Aussicht gestellt wurde („mir ist es als Mediator weniger wichtig, ob Sie in Frieden miteinander leben, als Ihnen“ wurde stark übertrieben vorgebracht) war die Stimmung plötzlich ins Positive gekippt. Was nun Kollegen aus dem psychologischen Bereich als „paradoxe Intervention“ deuten mögen, hatte geholfen. Familie Ö, welche auch den Zugang zum hauseigenen Garten hatte, konnte daher dem Sohn der Familie I ermöglichen, ab Frühling seinen Bewegungsdrang im Grünen auszutoben. Im Gegenzug sprach die Familie I eine freundliche Einladung zum Geburtstag des Sohnes am auf den Mediationstermin folgenden Wochenende aus, welche auch von Familie Ö angenommen wurde.

Das unverblümt angekündigte bevorstehende Ende der Mediation hatte also den Parteien die Ernsthaftigkeit vor Augen geführt und eine unerwartete Wendung hin zu einer Lösung ermöglicht.

Die angeführten Praxisbeispiele mögen zweierlei vor Augen führen:

Einerseits, dass gerade aufgrund der straffen zeitlichen Vorgaben in Nachbarschaftsmediationen, welche selten mehr als ein Treffen ermöglichen oft unorthodoxe Lösungsansätze hilfreich sein können, andererseits, dass die Möglichkeiten der Mediation enden wollend sind. Eine Änderung der Bausubstanz, welche oft an den Konflikten mitschuldig ist, ist wohl kaum möglich und wird auch aufgrund der finanziellen Aspekte nicht in die Lösungsmöglichkeiten einzubeziehen sein. Daher führt der Weg meistens über eine Änderung dessen, was geändert werden kann, nämlich der Assoziation mit dem Gegenüber. Ändert sich gleich dem Hammerbeispiel Watzlawiks der mit dem Konfliktpartner verbundene Gedankengang, so wird auch die Lärmbelästigung weit weniger störend empfunden. Darüber hinaus bewirkt oft schon alleine das Einschreiten des Mediators schon einen nicht unbeträchtlichen AHA-Effekt, welcher zu einer gewissen Systemänderung des Konflikts führen kann.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. Februar 2015 von in Nachbarschaft und getaggt mit , , , , , , , , .
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