mediationwanderer

Texte zu den Themen Arbeitsplatz, Familie, Nachbarschaft aus der Sicht des Mediators

Der Wunsch nach Doppelresidenz

Der Wunsch nach Doppelresidenz

Regelmäßig wird im Rahmen einer Scheidungsmediation von einem oder beiden zukünftigen Ex-Partnern in Bezug auf die gemeinsamen Kinder das Schlagwort der „Doppelresidenz“ ins Spiel gebracht. Dabei gehen die Eltern von der Vorstellung aus, den bisher anscheinend gut eingespielten Modus der Kinderbetreuung in zwei getrennten Haushalten auch weiterhin praktizieren zu können. Meist haben die Eltern schon seit längerer Zeit in aufrechter Ehe unterschiedliche Wohnsitze bezogen und betreuen die Kinder abwechselnd. Auch die anfallenden Kosten werden intern aufgeteilt, „man hat sich arrangiert“. Kommt es nun zur gerichtlichen Festschreibung des Status Quo im Rahmen einer einvernehmlichen Scheidung, so steht die Frage der Betreuungsortes zentral im Raum. Während die Frage der Obsorge mit einem gewissen Vertrauensvorschuss recht schnell geregelt werden kann, so zieht die Diskussion hinsichtlich des Betreuungsortes weitreichende Konsequenzen nach sich:

Wird der hauptsächliche Betreuungsort des/r Kindes/r nicht klar definiert (wobei wir melderechtliche Erwägungen erst gar nicht in die Betrachtungen einfließen lassen), so stünde beiden Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht zum Wohle des/r Kindes/r zu. Dies erfordert in weiterer Folge eine gute Kooperation auf der Elternebene, um nicht bei Fragen der Nachmittagsbetreuung, der Urlaubsgestaltung, allfälliger Umzüge und insbesondere der Einflüsse zukünftiger Partner der Eltern Konflikte vom Zaun zu brechen. Man bedenke.. ein jeder Konflikt bezüglich des Aufenthaltsortes und des Kontaktrechts birgt auch den Keim einer Änderung der einvernehmlich getroffenen Regelung hinsichtlich Obsorge und Aufenthalt in sich. Insbesondere bei Änderungen des Wohnortes eines Elternteiles würden allfällig zugeschüttete Gräben wieder offenkundig. Hier steht dann die persönliche Freiheit des Erwachsenen im Konflikt mit dem Kontaktrecht des Kindes, wie ja im Vergleich vereinbart, und dem persönlichen Interesse des anderen Elternteils auf Kontakt und Einhaltung des Vergleiches. In Zusammenschau mit möglicherweise noch unaufgearbeiteten Kränkungen aus der Beziehungszeit kommt es hier dann mit großer Wahrscheinlichkeit erneut zu einem Konflikt, welcher dann im Endeffekt erst wieder bei allen guten Vorsätzen das Kindeswohl zumindest kurzfristig gefährdet . Daher gilt es immer wieder zu betonen, dass bezüglich der elterlichen Verantwortung die Ex-Partner ein sehr hohes Maß an Kommunikations- und Konfliktkultur an den Tag legen müssen. Dies im Endeffekt freilich bei jeder Form der Aufenthaltsregelung.

Kindesunterhalt und allfällige Doppelresidenz

Solange sich der Gesetzesbestand nicht dahingehend ändert, dass auch die Möglichkeit einer Doppelresidenz hinsichtlich der Frage des Kindesunterhalts und des Anspruches auf Familienbeihilfe bzw. steuerliche Absetzbarkeit geregelt ist, würde man sich wohl mit kreativen Lösungen behelfen müssen:

Kinderkonto

In manchen Fällen, in denen das Gericht ein relativ ausgedehntes Kontaktrecht des Kindes dem „Nicht-Domizilelternteil“ gegenüber bestätigt hat, hat sich die Variante des „Kinderkontos“ bewährt. Hierauf werden die gerichtlich fixierten Unterhaltszahlungen des geldunterhaltspflichtigen Elternteils überwiesen, ebenso auch die Familienbeihilfe, welche vom naturalunterhaltspflichtigen Elternteil bezogen wird. Je nach Vereinbarung können darüber hinaus auch noch weitere Zahlungen auf dieses Konto eingehen. Eine Vereinbarung regelt in weiterer Folge, welche Zahlungen von diesem Konto zugunsten des/r Kindes/r geleistet werden. So beispielsweise schulische Anschaffungen, allfällige Nachhilfe, besondere Anschaffungen, Kleidung, aber auch möglicherweise jene Aktivitäten, die der „Nicht-Domizilelternteil“ mit dem Kind unternimmt. Je nach Höhe der Einzahlungen auf das Konto können darüber hinaus sogar auch die vermehrten Kosten der Einkäufe des „Nicht-Domizilelternteils“ über dieses Konto abgerechnet werden. Freilich bedarf es auch hier einer klaren und eindeutigen Vorabregelung, um keinerlei Missverständnisse aufkommen zu lassen. Rein formell würde dieses Konto dann auf den Namen des Kindes lauten, zeichnungsbefugt wären beide Elternteile. Sicherheitshalber hat sich ein sehr geringer Überziehungsrahmen bewährt, um schnell auf einen allfälligen Rechenfehler in der Vorabvereinbarung aufmerksam zu werden und einvernehmlich eine Adaptierung vornehmen zu können.

Im Falle eines finanziellen Bedarfs, welcher überraschend über das verplante Budget hinaus gehen sollte, wäre es im Rahmen einer solchen Konstruktion zum derzeitigen Rechtsbestand wohl ratsam, eine einvernehmliche Lösung anzuraten. Bedarf das Kind beispielsweise einer speziellen Förderung, um eine außergewöhnliche Begabung nicht verkümmern zu lassen, oder tritt andererseits ein Unglücksfall ein, welcher neben den gesundheitlichen auch die finanziellen Aspekte betrifft, so könnte eine gerichtliche Regelung dazu führen, dass wiederum auf das althergebrachte Modell (z.B. jedes 2. Wochenende und ein Tag unter der Woche, Kindesunterhalt wird auf Konto des Domizilelternteils überwiesen und Sonderbedarf wird je nach aktueller Rechtsprechung neu definiert) zurückzukommen wäre.

Auch hier bedürfte es also eines sehr hohen Maßes an Verantwortungsbewusstseins aller erwachsenen Beteiligter zum Wohle des/r minderjährigen Kindes/r.

Nachdem gerade der Bereich des Kontaktrechts weit über die rein rechtliche Ebene hinaus relevant ist und sich im Selbstverständnis des Kindes massiv auswirken kann, sind die Eltern hier besonders in die Pflicht genommen. Ein langwieriger Streit schadet genau so, wie die Unsicherheit aufgrund einer überhastet getroffenen Vereinbarung die Kommunikation zwischen den Eltern zulasten des Kindes beeinträchtigen kann. Die Zukunft wird zeigen, ob das Modell der Doppelresidenz über die derzeitige Möglichkeit im Rahmen der „Phase der vorläufigen elterlichen Verantwortung“ geöffnet wird und die Rahmenbedingungen (auch beispielsweise bezüglich der Kindergartenplätze bei bundesländerübergreifenden Doppelresidenzen) entsprechend adaptiert werden. Bis dahin steht es freilich den Eltern frei, in der einvernehmlichen Wahrnehmung ihrer Elternschaft zum Wohle des Kindes den persönlichen Konflikt hintanzustellen (oder aufzuarbeiten) und dem Kind einen konfliktfreien Zugang zu beiden Elternteilen zu ermöglichen.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Der Wunsch nach Doppelresidenz

  1. Selbsthilfegruppe Mobbing Wien
    10. November 2014

    Gefällt uns!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10. November 2014 von in Allgemein und getaggt mit , , , , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: